schlaglichter geschwister 2

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Du wolltest mir doch noch etwas sagen. Ich sollte den Brief einscannen; die Tinte ist fast komplett verblichen.
Nachher sagte man, Maisblätter schneiden dir die Haut.
„Mit geschlossenen Augen!“
Aber während wir durch das Feld rannten, merkten wir nichts und dann keine Wunden. Wir waren unverletzlich, die Augen geschlossen.

Äther

Verschämtes Herumsitzen auf dem Boden meinerseits. Sie wirft ihre störrischen Locken immer von links nach rechts, breit lächelnd, bei jedem Wort von mir. Ihre Klarinette steht in der Ecke. Ich habe nie verstanden wie die aufgehängt sind. Einerseits wirkt sie als würde sie fliegen, andererseits im Klammergriff eines Metallgerüsts, eingepferchtes Gehäuse, ihr Ton aber ätherisch. Irgendwie fehl am Platz. Ein quasi Punk aus dem Mittelstand, eigentlich aber Enkel von Vertriebenen, deren Herz zu schwer wurde als sie nach dem Krieg einmal zurück reisten, um ihren ehemaligen Hof anzuschauen. Es war immer noch ihr Hof. Es gibt ein Bild. Es könnte jeder Hof überall sein. Sie sind nie wieder dahin gefahren.

Einmal im Jahr Vertriebenenverein. Wer war wieder gestorben? Jacobs Kaffee und Kuchen an langen Sitzbänken, wie im Filmgefängnis. Alle haben geraucht. Lord Extra, meine ersten Zigaretten aus einer runden Zigarettendose in der Küche am schwergängigen Velux. Die Pappschachtel war zu billig. Ich musste immer umfüllen.
Essen, Rees, Bedburg-Hau. Die vielen Schwestern verteilt.

Karneval immer in Essen bei der Krankenschwester, hilfsbereit aber bestimmt wenn der Enkel nicht um neun Uhr schläft und sie und die Schwestern durch den Spalt in der Tür beobachtet, wie sie trinken. Wie auch schlafen? Das Licht schlägt durch den Schlitz und zerteilt meinen Traum in Neugier und Langeweile.

„Der sitzt da fröhlich pfeifend im Bett!“, anklagend. Wie kann das Kind so froh sein?

Wasser

Die andere immer bedroht vom Hochwasser der Rheins. Der Keller, fast eine Schleuse, jährlich. Was lagert man ein, wenn man weiß es könnte jedes Jahr zerstört werden? Ganz oben auf der Kehrseite des Hauses der Speicher mit der alte Fischerausrüstung des Mannes. Die bauchigen Wathosen sehen aus wie Schatten von Männern, stehend auf groben Holzdielen, muffiges, kaltes Licht, Staubkörner schweben wie Giebel im See im Winter, darüber Netze im Raum gespannt. Ich mittendrin. Angelruten, Angelruten, Angelschnur so filigran und irisierend wie Spinnweben. Käscher in Schränken, Weben an Stahl in Schranktüren offen wie Nachtfalterflügel, Netze, Maschen, Knoten, Maschen, Knoten. Geduld und nachher Kette, Einschlag, Kette, Einschlag spann er das stahlstarke Netz für nächstes Mal auf. Netznadeln in Taschen. Die Köder spitz.
Wieso so weit weg vom Wasser? Morgen kommt der Tote wieder und wieder, fährt raus zum Fischen. Fadenreihe, Fadenfolge.

Gras

Die verbleibende immer einen Alt-Bier Kasten im Keller. Mehr wenn die Schwestern kommen. Wenigstens musste man die Treppe bewältigen, arbeiten bevor man sich betrinken konnte. Reste vom Bauernhof. Dazu die Tabletten. An der Hauswand vorne ein Wappen. Eine Elchschaufel in einem Schild. Schwarz-weiß. An Geburtstagen und Feiertagen: Bowle.
Ich habe mal probiert. Desinfizierend.

Wenn ich keine Lust hatte den Rasen im Sommer zu mähen, habe ich gesagt, ich hätte keine Lust. Keine Lust, reflektierte sie verächtlich, und dem abwesenden Vater und Sohn vorwurfsvoll. Manchmal roch ihr Bofrost Essen nach Kotze. Auch das habe ich gesagt.
Heute tut es mir leid.

Bokeh

Und Sie, Tocher mit vielen Schwestern. Genau wie meine Großmutter. Sie ist Zwilling. Manchmal bin ich mir unsicher welcher ihr Name ist. Auf dem Parkplatz des Pastors immer mit dem Skateboard bis ich Angst hatte mich zu verletzen. Sie war mal dabei. Dann das Feld, die Unverletzlichkeit und blinde Freude und mit ihr die Liebe zur Fotografie. Das erste Bild ein perfektes Portrait. Ich wusste nicht was ich tat. Der Hintergrund sonnig im Bokeh versunken. Vorne Liebe, freigestellt. Schwarz-weiß.
Objektiv kitschig, subjektiv Liebe.

Das Foto wahrscheinlich weg.
Ich habe es ihr nie gesagt.

Flux

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